Prostitution in der Nordstadt

Erste Erkenntnisse der Beratungsstelle KOBER nach Inkrafttreten der neuen Sperrbezirksverordnung am 16. Mai 2011 in Dortmund

Stand: Mitte Juli 2011

 

Kontakte: Verluste in Quantität und Qualität:

 

Gut 2 Monate nach Inkrafttreten der neuen Sperrbezirksverordnung sind unsere Kontakte zum Klientel im Vergleich zum Zeitraum davor massiv eingeschränkt. Im Schnitt haben wir Kontakt zu 20-30 Frauen pro Tag. (Vorher 50-70). Die Qualität der Kontakte ist ebenfalls reduziert, da die Frauen, die wir auf der Straße treffen, in dieser Situation selten Interesse an längeren Gesprächen haben, keine Zeit dafür aufbringen wollen/können und Bedenken haben, von beobachtenden Ordnungsbeamten in Zivil im Gespräch mit uns als Prostituierte geoutet zu werden.

 

Konkrete Zahlen

 

Uns sind derzeit 82 Frauen namentlich (mind. mit Künstlerinnennamen) bekannt, die nach wie vor der Straßenprostitution in der Dortmunder Nordstadt nachgehen. Nur über diese Teilmenge können wir konkretere Aussagen machen. Wir schätzen im Moment, dass es insgesamt etwa doppelt so viele Straßenprostituierte in Dortmund gibt. (Wir beginnen jetzt mit punktuellen Streetworkeinsätzen nach 24 Uhr, denn wir hören, dass viele Frauen erst dann beginnen zu arbeiten)

 

Die Gruppe der 82 Straßenprostituierten, zu der wir bislang relativ regelmäßige Kontakte haben, setzt sich wie folgt zusammen:

 

57 sind nicht deutsch, davon sind mind. 26 Bulgarinnen, 9 Rumäninnen, 3 Russinnen und eine Italienerin. (Von den anderen ist uns die Nationalität noch nicht sicher bekannt.) Davon sind etwa 9 Drogengebraucherinnen.

24 sind deutsch, davon sind 16 Drogengebraucherinnen.

 

An dieser Stelle noch einmal der ausdrückliche Hinweis, dass es sich hier nur um eine Teilmenge der Frauen handelt, die in der Dortmunder Nordstadt auf der Straße der Prostitution nachgehen!

 

Unsichtbare Prostitution

 

Aus diversen Informationsquellen wissen wir, dass sehr viele der Frauen, die ehemals auf dem Straßenstrich der Prostitution nachgingen, jetzt vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen in Wohnungen und Kneipen/Teestuben (Hinterzimmern) im Sperrbezirk, vornehmlich in der Nordstadt, arbeiten. Die Kundenkontakte werden per Handy und Internet, meist aber über männliche Vermittler, die Kunden auf der Straße oder in der Kneipe/Teestube ansprechen, hergestellt. Zu diesen Frauen haben wir noch nur sehr wenige direkte Kontakte.

Die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwierig, da wir uns jetzt in einem Milieu der Illegalität bewegen und die Frauen nicht oder nur sehr selten selbst in den Kneipen/auf der Straße in Erscheinung treten.

Wir beginnen Kontakte in diese Szene zu knüpfen, gehen dabei aber verständlicherweise sensibel vor. Wir schätzen, dass in diesem Bereich noch einmal mindestens etwa 80 Frauen arbeiten. (Nur Dortmund Nordstadt!)

 

Gewaltopfer

 

4 Frauen sind unseres Wissens in den letzten 9 Wochen Opfer von Gewaltübergriffen durch Kunden geworden. In einem Fall wurde eine Frau mit einem Messer bedroht und in ihrer Wohnung beraubt. In den anderen Fällen ging es um körperliche Gewalt ohne Waffengebrauch und es gab nur leichte Verletzungen. Trotz der zugesagten Nichtverfolgung der Prostitutionstätigkeit im Sperrbezirk wollen diese Frauen keine Anzeige erstatten. Bei der Beurteilung dieser Zahlen muss man die stark erschwerten Kontakte zwischen den KOBER-Mitarbeiterinnen und den Frauen einbeziehen. Die so genannte „Dunkelziffer“ ist hier sicher erwähnenswert.

 

Gewaltprävention

 

Wir möchten gerne wieder, wie früher im Container, eine Liste installieren, auf der die Frauen auch anonym gewaltbereite Kunden nennen und beschreiben können, um die anderen Frauen zu warnen, aber die Beschreibungen der Täter sind dafür unzureichend und eine Autonummer nicht bekannt, das die Kontakte nicht vom Auto aus zustande kamen. Außerdem fehlt ein gemeinsamer Ort, an dem diese Liste für möglichst viele Frauen einsehbar wäre. Der Container wurde von fast allen Frauen regelmäßig besucht, in die Beratungsstelle kommt nur ein Bruchteil der aktiven Frauen.

 

Beratungsbedarf

 

Es kommen allerdings täglich mehrere Frauen ohne Termin spontan in die Beratungsstelle, wenn sie Fragen oder Probleme haben.

  • Auch die Abgabe von Präventionsmaterial findet hauptsächlich hier statt, ist aber insgesamt massiv zurückgegangen. Auf der Straße werden wir meist nur um 2 kostenlose Kondome gebeten.
  • Die Nachfrage nach Lebensmitteln ist gestiegen. Nach wie vor bemühen wir uns, in diesen Fällen zu helfen, aber wir möchten nicht dauerhaft zu einer Lebensmittelausgabestelle werden. Da aber Nahrung für einige Frauen das dringendste Bedürfnis ist, müssen wir dieses natürlich zunächst erfüllen, bevor wir weitere Beratungsschritte andenken. Wir kooperieren hier nach wie vor sehr erfolgreich mit der Dortmunder Tafel.
  • Häufig wenden sich Frauen an uns, weil sie sich von den Vertretern der Ordnungsbehörden unangemessen behandelt fühlen.
  • Einige wenige Frauen der Ravensbergerstraße konnten wir darin unterstützen, in legale Prostitutionsbereiche innerhalb Dortmunds zu wechseln. Diesbezügliche Anfragen hatten wir zwar viele, aber meist scheiterte dieser Wechsel an diversen Hemmnissen. (Werden in Clubs/Bordellen abgewiesen und haben kein Startkapital z.B. um sich als Kleingruppe eine Wohnung außerhalb des Sperrbezirkes anzumieten und einzurichten, bzw. fürchten, die Miete nicht aufbringen zu können…)
  • Fälle von drohender Wohnungslosigkeit wegen unbezahlter Mieten häufen sich in der Beratung in der letzten Zeit.

 

 

 

Ungewollte Schwangerschaften

 

Trotzdem die Kontakte insgesamt deutlich verringert sind, sind in den letzten 2 Wochen wieder 3 Frauen mit ungewollten Schwangerschaften in die Beratung gekommen. Statistisch lässt sich daraus noch kein Trend ableiten, aber die Befürchtung, es könnte einer werden, drängt sich auf. Die Kondomabgabe ist seit der Schließung des Straßenstriches vor 9 Wochen massiv zurückgegangen.

 

Neue Frauen

 

Bisher sind uns nur 4 Frauen persönlich/namentlich bekannt, die NACH Inkrafttreten der Verordnung nach Dortmund (Nordstadt) neu in die Prostitution gekommen sind. Uns wird aber glaubhaft zugetragen, dass jede Woche etwa 3-6 neue Frauen, hauptsächlich aus Bulgarien, „nachrücken“. Wir erhoffen uns da zukünftig konkretere Erkenntnisse aus unseren Nachteinsätzen nach 24 Uhr und bemühen uns verstärkt um Kontakte in der Kneipenprostitutionsszene.

 

Besonders diese neuen Frauen sollen in den „Kneipen-Hinterzimmern“ nicht nur arbeiten, sondern auch Leben, ohne in Dortmund gemeldet zu sein.  Da aber immer mehr der uns bekannten Frauen mit Wohnungen in der Nordstadt Probleme mit ihren Mietzahlungen haben, fürchten wir, dass einige von diesen auch früher oder später in diesem verschlossenen Milieu stranden und unsere Kontaktmöglichkeiten auch zu diesen Frauen dann sehr eingeschränkt sein werden.

 

Opfer von Menschenhandel

 

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen möchten wir festhalten, dass die Tatsache, dass eine Frau unter- nach unseren Maßstäben- menschenunwürdigen Umständen lebt und völlig unprofessionell in der Prostitution arbeitet (z.B. im Hinterzimmer einer Teestube) nicht automatisch bedeutet, dass sie „Opfer von Menschenhandel“ ist.

Zwar gibt es jetzt mehr männliche Profiteure von Prostitution, („Vermieter“ und „Vermittler“, sowie „Dolmetscher“ und „“Beschützer“), die Frauen wählen diese aber bewusst aus und bezahlen sie bereitwillig für ihre Dienste. Die Notwendigkeit für diese „Dienstleister“ ergibt sich aus der neuen Sperrbezirksverordnung, denn die Frauen wollen nicht mehr riskieren, sich selbst auf der öffentlichen Straße zu bewegen. Die – zugegeben noch wenigen- neu angekommenen Frauen, zu denen wir Kontakt haben, bestätigen uns, dass sie sehr genau wussten, was sie hier in Dortmund erwartet. Auch wenn die Verdienstmöglichkeiten und Lebensumstände für Prostituierte hier jetzt deutlich schlechter sind, bleibt es doch für die Frauen die einzige Möglichkeit, Geld für ihre Familien zu beschaffen.

Auch ohne „Opfer von Menschenhandel“ zu sein, ist es dringend erforderlich, dass diesen Frauen geholfen wird und sie und ihre Familien jede nur mögliche Unterstützung erhalten, ein nach europäischen Maßstäben menschenwürdiges, sicheres und selbst bestimmtes Leben zu führen!

 

Warum Dortmund?

 

Da die Frauen in der Heimat direkte Kontakte zu Menschen in Dortmund haben, kommen sie gar nicht auf die Idee, in andere Städte oder gar andere europäische Länder zu gehen. Hier scheint sich eine Art interne Infrastruktur etabliert zu haben, die offensichtlich flexibel auf die neue Lage in Dortmund reagiert hat, indem sie Hinterzimmer und Wohnungen für die Prostitution, sowie ein neues Anbahnungskonzept über männliche Vermittler installiert hat.

 

Wenige Frauen, die versucht haben in anderen Ruhrgebietsstädten zu arbeiten, erzählen Geschichten von massiven Bedrohungen und Gewalt durch andere Frauen bzw. deren männliche Begleiter, so dass kaum mehr eine auch nur versucht, in andere Städte zu gehen.

 

 

Hierzu ein Zitat aus dem „Hellweger Anzeiger“ vom 19.07.2011:

 

Einen „leichten Anstieg an Roma-Frauen“ hat auch die Essener Polizei bemerkt. Ein Problem sei dies nicht, heißt es. „Die Frauen regeln das untereinander, es reguliert sich von selbst“, sagt Detlef Feige. „Trotzdem – wir haben einen Blick drauf.“ Die Stadt Essen wolle verhindern, dass sich die Lage am Kirmesplatz verändere. „Wir sind zufrieden mit der aktuellen Situation“, sagt der Sprecher.

 

Quelle: http://www.hellwegeranzeiger.de/nachrichten/nrw/Hier-und-Heute-Nach-Strassenstrich-Aus-in-Dortmund-Prostitution-im-Umland-steigt;art1544,1351497

 

Dieses gewaltsame Vorgehen gegen Frauen aus den neuen EU-Ländern, die völlig legal ihrer Tätigkeit in einer anderen Stadt nachgehen möchten, scheint also sogar von offiziellen Stellen mehr als nur geduldet zu werden.

 

Was macht KOBER?

 

Wir sind in der Lage, flexibel auf die Gegebenheiten zu reagieren:

 

  • Unser Cafe ist jetzt nicht mehr an 4, sondern nur noch an 2 Abenden in der Woche geöffnet, weil die Präsenz auf den Straßen zu mehr Kontakten führt. (Di und Do 18-20 Uhr)

 

  • Dafür haben wir unsere Streetworkeinsätze verstärkt und sind Dienstags, Donnerstags abends (20-22Uhr) und Freitags (12-14 Uhr) je 2 Stunden, Montags und Mittwochs  (18-22 Uhr/20-24 Uhr ab August) jeweils 4 Stunden unterwegs.

 

  • Die Frühstückstreffen finden davon unberührt zweimal wöchentlich statt und sind nach wie vor gut besucht. (Mo und Mi 10-12 Uhr)

 

  • Im August verlegen wir die Streetworkeinsätze 2 mal wöchentlich um 2 Stunden mehr in die Nacht, also auf 20-24 Uhr.

 

  • Mindestens 2 mal monatlich machen wir Streetworkeinsätze nach 24 Uhr, um Kontakte zu den dann verstärkt arbeitenden Frauen zu erhalten.

 

  • Etwa 4 mal pro Woche besuchen wir diverse Kneipen/Teestuben etc, von denen wir wissen, dass dort Prostitution stattfindet oder vermittelt wird.

 

  • Da die ärztlichen Sprechstunden trotz hohen Bedarfes nur sehr schlecht besucht sind, gehen die Ärzte in Zukunft mal mit zu Streetworkeinsätzen, weil wir uns davon erhoffen, dass wieder mehr Frauen zu den Sprechstunden kommen. Unserer Erfahrung nach helfen Flyer da weniger und das bekannte Gesicht des vertrauten Arztes zu sehen, wird vielleicht mehr helfen, die Sprechstunden wieder bekannter zu machen.

 

  • Nach wie vor bemühen wir uns, in der Öffentlichkeit und den Medien gegenüber um eine klare und sachliche Darstellung von Fakten und Zahlen, auch wenn diese immer wieder fehlinterpretiert oder falsch zitiert werden. (siehe Anhang)

 

 

Entwicklung

 

Die Liste der uns namentlich bekannten Frauen wird täglich länger. Viele Frauen, die zunächst „Urlaub“ in der Heimat gemacht haben oder in Clubs, meist außerhalb Dortmunds, untergekommen waren, tauchen nun nach und nach wieder in der Nordstadt auf.

 

Gleichzeitig begegnen uns etwa genau so viele unbekannte Gesichter, die offensichtlich neu in Dortmund sind. Diese neuen Frauen sind uns gegenüber sehr misstrauisch, sofern ihnen nicht von einer Bekannten eindringlich versichert wird, dass wir wirklich nicht „Polizei“ sind.

 

Wir schätzen, dass in den nächsten Monaten immer mehr Frauen; insbesondere Drogengebraucherinnen, wegen beharrlicher Verstöße gegen die Sperrbezirksverordnung und nicht bezahlter Geldstrafen inhaftiert werden müssten. Wir hoffen sehr, dass im Interesse aller Beteiligten hier eine menschlich und politisch sinnvollere Lösung gefunden wird.

 

Wir hoffen außerdem, dass die von uns befürchtete Entwicklung nicht eintritt, und weder Gewaltübergriffe, noch ungewollte Schwangerschaften, gesundheitliche Probleme sowie STD`s ansteigen, während die Lebens- und Arbeitsumstände der Frauen immer miserabler werden.

 

Beratungsstelle KOBER im Juli 2011

 

 

Anhang

Noch ein Hinweis zu den immer wieder in Politik und Medien grassierenden Zahlen der Prostituierten auf der Ravensbergerstraße:

 

INSGESAMT im Jahresverlauf hatten wir Kontakte zu

2001: 182

2002: ca. 240

2003: ca. 300

2004: ca. 360

2005: ca. 400

2006: ca. 500

2007: ca. 500

2008: ca. 600

2009: ca. 600

2010: ca. 700 Frauen, die zumindest einmal in diesem Jahr auf der Ravensbergerstraße gearbeitet haben. (Zahlen aus unseren offiziellen Jahresberichten)


 

 

 
Das zeigt, dass es einen relativ gleich bleibenden Anstieg dieser Gesamtpersonenzahl über die letzten 10 Jahre gab und es keinesfalls zu einem massiven Anstieg ab 2007 gekommen ist (oder gar einer Verzehnfachung, wie oft behauptet)

 

Insgesamt ist diese Gesamtpersonenzahl per Anno aber auch nicht geeignet, etwas über die Anzahl der Frauen auf der Ravensbergerstraße auszusagen.

Insbesondere im Ruhrgebiet ist es für die Frauen leicht, zwischen verschiedenen Standorten zu pendeln, um so immer wieder als „neues Gesicht“ von den Kunden wahrgenommen zu werden. Die Erhöhung dieser Gesamtpersonenzahlen kann also durchaus als verstärkte Fluktuation zwischen verschiedenen Ruhrgebietsstädten interpretiert werden und gibt keinen konkreten Hinweis auf die Anzahl der Frauen, die zum Beispiel pro Tag oder pro Zeitpunkt auf der Ravensbergerstraße gearbeitet haben.

 

2010 haben wir pro Tag zu etwa 30-80 Frauen Kontakte gehabt, also im Schnitt etwa zu 50 Frauen pro Tag.  Diese Zahl ist im Vergleich zu 2006 relativ stabil geblieben, bzw. nur minimal gestiegen (was aber mit der Errichtung unseres neuen Beratungscontainers (Ende 2009) zu tun haben kann, der attraktiver, im Winter besser beheizt und räumlich deutlich großzügiger war als unser alter Beratungscontainer 2006).

 

Leider werden diese Zahlen trotz all unserer Bemühungen um Richtigstellung in den Medien immer wieder falsch zitiert, bzw. fehlinterpretiert.