Stellungnahme Februar 2011
Erhalt des Straßenstrichs in Dortmund/ Zuwanderung in die Nordstadt
Seit Jahrhunderten gibt es in Dortmund Straßenprostitution und diese wird es vermutlich immer geben. Dortmund ist eine Großstadt am Rande des Ruhrgebiets, mit einem großen Umland und Einzugsgebiet vieler Kleinstädte. Hier wird sich Prostitution immer lohnen, hier wird es immer Nachfrage geben und daher wird es immer Straßenprostitution geben.
Freiersuchverkehr und wechselnde Frauen, die sich innerhalb Dortmunds prostituierten waren jahrelang immer Thema in Dortmund. Massive Proteste der Anwohner gegen diese Situation sowie die Tatsache, dass sich die Frauen nicht selten in Gefahrensituationen begaben, führten zu der einvernehmlichen Lösung, den legalen Straßenstrich an der Ravensbergerstraße im Jahr 2000 zu errichten. 2006 erfolgte in einem weiteren Schritt der Bau der Sicherheitsboxen. Bis 2007 gab es im Grunde eine für alle tragbare Situation.
Erst durch die EU –Osterweiterung kam es zu einer erneuten Veränderung der Gesamtsituation durch Migration aus Bulgarien und Rumänien. Diese ist aber nicht auf die Tatsache zurückzuführen, dass es in Dortmund einen Straßenstrich gibt, sondern darauf, dass in einer Großstadt wie Dortmund ein mehrsprachiges multikulturelles Umfeld existiert, das im Ganzen attraktiv für Zuwanderer ist. Auch große Einkaufsmeilen in der City haben immer eine Sogwirkung! Generell ist es jedoch völlig unzulässig, Prostitution mit Kriminalität gleichzusetzen!
Der Situation auf dem Straßenstrich bis 2008
Vor 2008 war der Dortmunder Straßenstrich sozialverträglich. Bundes- und europaweit schauten „Experten“ aus Politik, Polizei, Sozialarbeit und Prostituierten-Organisationen nach Dortmund. Die Ordnungsbehörden, die Kriminalpolizei und die Beratungstelle KOBER arbeiten im „Dortmunder Modell“ zusammen. Zuhälterei, Nötigung und Bedrohungen wurden von Anfang an angezeigt und verfolgt. Gewaltübergriffe fanden nach Errichtung der Sicherheitsboxen fast nicht mehr statt. Professionelle Prostituierte aus vielen Ländern arbeiteten völlig unauffällig und ungestört auf der Straße. Für viele andere Städte in Europa ein positives, nachahmenswertes Beispiel.
Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle KOBER etablierten vor Ort auf der Ravensbergerstraße ein breites Beratungsangebot mit medizinischer Versorgung und Zugang zu anderen Angeboten wie etwa Drogen- und Schuldnerberatung. KOBER klärte auf über gesundheitsbewusstes Arbeiten, vermittelte Steuergesetze, Rechte und Pflichten, zeigte Möglichkeiten des Ausstiegs auf und unterstützte bei der Arbeitssuche.
Gelegentlich gab es Probleme mit der Sauberkeit auf der Straße und in der Sicherheitsanlage musste zum Aufräumen aufgefordert werden. Dennoch gab es trotz einer steigenden Anzahl von Frauen keinerlei ernstere Problematiken.
Eine Soziale Einrichtung vor Ort stellt auch immer eine Kontrollinstanz in jeglicher Hinsicht dar, so dass viele Konflikte schon im Vorfeld abgemildert, beziehungsweise verhindert wurden. Eine vor Ort wichtige und hilfreiche Funktion!
Veränderungen der Gesamtsituation in der Dortmunder Nordstadt
Organisationen, Ordnungsbehörden, Polizei und soziale Einrichtungen waren überrascht, über die Anzahl der Frauen, die ab 2007 und verstärkt ab 2008 kontinuierlich aus den neuen EU-Ländern in die Prostitution, und zwar vornehmlich in die Straßenprostitution nach Deutschland strömten. Wirtschaftlicher Druck und verheerende Lebensbedingungen in den Herkunftsgebieten, eine direkte Busverbindung zwischen Plowdiw und Dortmund, sowie bereits bestehende Kontakte führten zu einem vermehrten Zuzug nach Dortmund.
Aber auch die Tatsachen, dass hier günstiger Wohnraum direkt „um die Ecke“ in der Nordstadt leer stand und dass es ein gutes türkischsprachiges Umfeld gibt, mögen Ursachen gewesen sein, dass zunächst in einigen Kneipen und einigen Straßen im Dortmunder Norden Frauen mit Roma-Hintergrund aus Bulgarien und Rumänien der Prostitution nachgingen. Durch kontinuierliche Ansprache wurden sie zum Straßenstrich verwiesen. Diese Frauen, meist aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ hatten andere Vorstellungen von „Prostitution“, andere Werte und Normen, verhielten sich in unseren Augen unprofessionell und insgesamt unangepasst.
Die KOBER Mitarbeiterinnen sehen sich mit völlig neuen Fragestellungen konfrontiert, der Bedarf an umfassender Aufklärung war nie größer und konnte erst durch die Mitarbeit einer Dolmetscherin (seit Mai 2009) effizient durchgeführt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die sich auf dem Straßenstrich aufhalten, in ihren Herkunftsländern meist schlechte Erfahrungen mit Behörden und Polizei gemacht haben, so dass sie sich in Deutschland diesen Einrichtungen gegenüber zunächst nicht anvertrauen. Unser Rechtssystem ist Ihnen völlig fremd, deshalb nehmen sie angebotene Hilfen nicht sofort an.
Dennoch erklären die zugezogenen Prostituierten nicht die derzeitige Situation in der Dortmunder Nordstadt und in der Dortmunder Innenstadt, sowie die konstant hohe Zahl neuer Migranten.
Wenn es also ein Problem gibt, dann nicht, weil es in Dortmund einen legalen Straßenstrich gibt, sondern deshalb, weil der Dortmunder Norden, der enormen Zahl der neuen Migranten nicht mehr gewachsen ist. EU-rechtlich muss hier dringend eine Nachbesserung erfolgen, da zum Beispiel fast alle der Frauen, die KOBER beriet, sich ohne gültige Krankenversicherung in Deutschland aufhielten und nahezu alle aus ein und demselben Ghetto in der Nähe von Plowdiw kommen. In ihrem Herkunftsland existieren zu wenig Perspektiven für die ethnische Minderheit der Roma.
Zukünftige Situation
Diese Probleme der Dortmunder Nordstadt müssen von mindestens zwei Seiten angegangen werden: Die Lebensumstände der diskriminierten Roma-Minderheit in den Ursprungsländern müssen verbessert werden. Die Frauen, die hier in der Prostitution arbeiten, werden das weiter tun. Die eine oder andere wird zurück in ihr Heimatland gehen, aber andere werden nachrücken. Diese Frauen müssen professionalisiert werden, aufgeklärt und informiert, in gewissem Sinne „integriert“ in das System eines sozialverträglichen Straßenstrichs und in das Leben der Dortmunder Nordstadt.
Durch eine Abschaffung des legalen Straßenstrichs in Dortmund würden nicht die Zustände wieder hergestellt, die es vor Gründung dieses Projektes gab. Damals, in den Neunziger Jahren, waren es 60 Straßenprostituierte, die in der Nordstadt so massiven Freiersuchverkehr verursachten, dass die Anwohner die Einrichtung eines „sozialverträglichen Straßenstrichs“ forderten und durchsetzten. Heute reden wir von der 10fachen Anzahl. Es wird anders sein als früher. Es ist anders als früher. Die Zeiten haben sich geändert und wir müssen sozial angemessen auf die Gegebenheiten reagieren, statt zu versuchen, Probleme aus unserem Blickfeld zu verschieben oder die Uhren zurück zu drehen.
Je größer die Probleme und Risiken, desto größer ist die Notwendigkeit eines legalen, geschützten und betreuten Straßenstrichs! Nie hatte Dortmund es nötiger als heute, alle Kräfte zu bündeln um die Idee „sozialverträglicher Straßenstrich“ noch besser und wirksamer umzusetzen.