18.12.2008
Die Weihnachtsfeier auf dem Straßenstrich 2008 fiel NICHT ins Wasser!
Weihnachten auf dem Straßenstrich? Da prallen Welten aufeinander:

Mitte November passierte es: Durch das undichte Dach des Beratungscontainers drang immer mehr Regenwasser ein, es tropfte von der Decke und floss die Wände herab. Zunächst versuchte das KOBER-Team der Situation mit aufgestellten Eimern und Schüsseln Herr zu werden, als aber das Wasser in die Steckdosen lief, der Teppich sich wellte und die Tapeten sich lösten, musste der Container aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.
Seitdem standen die Sozialarbeiterinnen draußen vor der Tür, mitten auf der Ravensberger Straße, Präventionsmaterial und Thermoskannen mit heißen Getränken im Kofferraum, und hofften auf eine schnelle Lösung.
Auch den dort arbeitenden Frauen fehlte der Rückzugsraum, besonders jetzt im Winter gab es keine Möglichkeit sich aufzuwärmen, sich hinzusetzen, eine „Auszeit“ zu nehmen. Von qualifizierten Beratungsangeboten konnte auch nur in Ansätzen die Rede sein, wenn die Streetworkerinnen in dicke Decken gewickelt, im Regen standen… Die anstehenden Termine, wie die regelmäßige kostenlose und anonyme ärztliche Beratung und Behandlung mussten auch abgesagt werden.
Doch bald kam Hilfe durch die Stadt Dortmund, die ein Dachdeckerunternehmen beauftragte, den Schaden zu begutachten. Kurz darauf die Zusage des Sozialdezernats:
Bis zur Weihnachtsfeier am 18. Dezember wird der Container wieder benutzbar sein!
Und so fiel die Weihnachtsfeier 2008 NICHT ins Wasser:
Das undichte Dach wurde bereits am Montag geflickt, (Danke für die schnelle Hilfe der Stadt) so dass wir ordentlich heizen konnten und putzen, um die Feuchtigkeit, die ja mehrere Wochen im Container stand, einigermaßen raus zu kriegen. Zwar hat sich der Schimmel in den Ecken dadurch nicht gerade gebessert, der PVC-Bodenbelag ist brüchig geworden und bildet Stolperfallen und an einigen Stellen lösen sich großflächig die Tapeten von den Wänden, aber der Container ist benutzbar.
Bei Kerzenschein sind die Schimmelflecken kaum zu sehen und das Tannengrün der Dekoration verdeckt ebenfalls den einen oder anderen Wasserfleck an den Wänden.

Das geflickte Dach ist auch nur eine vorübergehende Lösung. Aber immerhin stehen wir nicht mehr länger, wie in den letzten Wochen, in Wolldecken gewickelt mit Thermoskannen neben unserem kleinen Dienstwagen und verteilen heißen Kaffee und Präventionsmaterial an die Frauen. Die Kober-Mitarbeiterinnen können ihre Erkältungen, die bei diesen nächtlichen „Notdiensten“ nicht ausblieben, jetzt auskurieren, der Container ist wieder benutzbar…
Weihnachtlich geschmückt, Buffet aufgebaut (von den Mitarbeiterinnen und ehrenamtlichen Helferinnen zubereitet), ein heißes Süppchen auf dem Herd, erwarten wir im Laufe des Weihnachtsfestes (von 17-22 Uhr) etwa 60-70 Frauen, die sich heute nicht nur aufwärmen und beraten lassen können, sondern ein gemütliches Beisammensein und ein schmackhaftes Buffet genießen werden…
Das KOBER-Team wird bei der Organisation und Vorbereitung dieser „ungewöhnlichen Weihnachtsfeier“ von Praktikantinnen und ehrenamtlichen Helferinnen unterstützt, die schon Tage vorher Plätzchen backen, Dekorationsschmuck basteln und Rezepte für Suppen und diverse kalte Platten sammeln.

Kondome, heiße Würstchen und Suppe... und im Hintergrund die abgelöste Tapete- Überbleibsel vom Wasserschaden...

Festlich und appetitlich: Für Speis und Trank war gesorgt an diesem Abend.

Für jede Frau ein Geschenk.
Für jede Frau steht auch eine kleine weihnachtliche Geschenktüte bereit, von einem Spender, der nicht genannt werden möchte. (Pflegeprodukte, Süßigkeiten (Schokoladen-Weihnachtsmann ist auch dabei, mal ein richtig süßer Mann….), Nüsse, Mandarinen)

Freundliche Schokoladen-Weihnachtsmänner: Mal so richtig nette, süße Kerle auf dem Straßenstrich;)

Von Außen betrachtet:
Innen warmes Kerzenlicht und in der Scheibe spiegelt sich die kalte Realität des Straßenstrichs...

Verlockend:
Die warme Atmosphäre der Weihnachtsfeier im Container


Einladend:
Der viel zu kleine Aufenthaltsraum. Normalerweise drängen sich hier allabendlich bis zu 25 Frauen gleichzeitig um die Heizung.

„Der Conti ist wieder auf“… diese Nachricht verbreitete sich schnell auf der Ravensberger Straße. Ein Ort für eine ruhige Auszeit, ein heißes Getränk, die Möglichkeit, sich mal hinzusetzen und aufzuwärmen und nicht zuletzt, bei Fragen und Problemen jederzeit kompetente Ansprechpartnerinnen von KOBER im Conti zu haben, die sich vorurteilsfrei und selbstverständlich all der vielfältigen Themen annehmen können… das hat den Frauen der Ravensberger Straße dann doch sehr gefehlt in den letzten Wochen.
„Der Conti ist wieder auf“ … heißt aber auch, abzuwarten, wie lange es diesmal gut geht, das Dach dicht hält und die durchweichten Bodenplatten nicht durchbrechen…. und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass KOBER dann doch bald den heiß ersehnten neuen Container bekommt.
Kaum zu glauben, dass sich in dem kleinen, gemütlichen Aufenthaltsraum an einem durchschnittlichen Abend bis zu 25 Frauen gleichzeitig drängen.
Auf diesem Bild sind es nur 11 Frauen. Vielleicht kann man sich vorstellen, wie es mit 25 Frauen aussieht....

Kirsten Cordes, Dipl.-Psych. von KOBER sagt: „Es gibt im Moment viele Aspekte, die unsere Arbeit erschweren, der zu kleine und baufällige Container ist nur einer davon. Nicht nur der Aufenthaltsraum ist zu klein, im Behandlungszimmer fehlt ein Wasseranschluss und ordentlich heizen können wir da auch nicht (Ärzte halten hier regelmäßig ehrenamtlich Sprechstunden ab, die wenigsten Frauen sind krankenversichert…). 80-90% der Prostituierten auf dem Dortmunder Straßenstrich kommen aus den neuen EU-Ländern, viele von Ihnen wissen zu wenig über Gesundheitsprävention und sicheres Arbeiten auf dem Straßenstrich. Eine bulgarische Studentin hilft einmal wöchentlich ehrenamtlich als Dolmetscherin aus, aber das ist viel zu wenig und wir können nicht dauerhaft auf ehrenamtliche Hilfe bauen, wo der Bedarf so groß ist. Wir bemühen uns um entsprechende Unterstützung und haben bei verschiedenen Stellen Gelder für Dolmetscher beantragt, aber bislang sieht es überall gleich aus: Die Kassen sind leer…“
Kober verfügt über 3,5 Stellen, aufgeteilt auf 5 Mitarbeiterinnen. Davon werden für die örtliche Arbeit 2 Sozialarbeiterstellen von der Stadt Dortmund finanziert (KOBER macht auch landesweite Arbeit in der Kooperation www.koopkoma.de, und hat dafür vom Land NRW weitere 1,5 Stellen und Zuschüsse der katholischen Kirche und Spenden)
2000 gab es in Dortmund etwa 60 Straßenprostituierte
2004 waren es etwa 350
In 2008 kennen wir etwa 560 Frauen vom Dortmunder Straßenstrich